„Wer verleiht dem Malerhandwerk seine Stimme?“

Seit über 30 Jahren ist Bernd Doose Obermeister

der Innung Kassel Stadt und Land. Während dieser

Zeit hat er einige Wandel im Maler- und Lackiererhandwerk

miterlebt. Für die Zukunft der Branche

wünscht er sich, dass junge Menschen den Wert des

Handwerks und die beruflichen Chancen, die es bietet,

erkennen.

Das Malerhandwerk hat in den vergangenen
25 Jahren unter dem Verlust seines Ansehens
gelitten. Diese Tatsache erschwert es
Betrieben, qualifizierte Auszubildende zu
gewinnen. Die Mitgliedsbetriebe der Malerund
Lackierer-Innung Kassel Stadt und Land
konnten die Zahl der Auszubildenden dennoch
stabil halten. „Der anstehende Ruhestand
der Babyboomer-Generation wird die
Firmen aber vor große Herausforderungen
stellen“, sagt Bernd Doose. Die Größte davon
ist die Nachwuchsgewinnung. Und der
Obermeister spricht aus Erfahrung. Denn
auch für seinen eigenen Betrieb hat er keinen
Nachfolger gefunden. Seitdem vermietet
er seine „Malerwerkstatt Doose“. Seiner Ansicht
nach sollten Betriebe mehr dafür tun,
sichtbar zu werden – unter anderem auch
auf politischer Ebene: „Das Malerhandwerk
wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.“
Als ehemaliger ehrenamtlicher Stadtrat
und Ehrenkreishandwerksmeister von
Kassel hat er sich dafür eingesetzt, dass die
„Politik immer auch an das Handwerk denkt
und die Stimme des Handwerks zur Geltung
kommt.“ Denn ohne Stimme in der Öffentlichkeit
bleiben die Belange der Betriebe ungehört
und die Probleme – wie die fehlenden
Auszubildenden – ungelöst. Dafür macht er
aber nicht nur die Betriebe und deren fehlendes
politisches Engagement verantwortlich.
Er nimmt insbesondere auch die zahlreichen
organisatorischen, technischen und
bürokratischen Vorgaben sowie Pflichten in
die Mangel. Sich Tag für Tag damit auseinanderzusetzen,
sorgt für eine Überlastung
der Unternehmen. „Ein Betriebsinhaber ist
meist damit beschäftigt, sich um irgendwelche
Formalitäten zu kümmern. Zeit für andere
wichtige Dinge wie zum Beispiel die
Nachwuchswerbung: Fehlanzeige!“, bemängelt
der Obermeister.
Für Nachwuchsgewinnung
benötigt es Zeit und Kreativität
Junge Menschen können für das Maler- und
Lackiererhandwerk begeistert werden. Davon
ist Doose überzeugt. Im Fokus sollte dastehen, die Jugendlichen schon so früh
wie möglich – also bereits in der Schulzeit –
abzuholen und sie mit regelmäßigen Workshops
an das Handwerk heranzuführen. So
können sie sich ausprobieren und sehen,
was das Handwerk zu bieten hat. „Begeisterung
schafft man durch das ‚Machen‘ und
durch echte Teamarbeit sowie Wertschätzung
durch die Gesellschaft. Dadurch wird
zudem die Faszination für das Erschaffen
von Dingen mit den eigenen Händen geweckt.
Auch die zahlreichen digitalen Möglichkeiten
in- und extern sorgen dafür, dass
das Handwerk attraktiver und zeitgemäßer
wird“, sagt Doose.
Innungsbetriebe arbeiten Hand in Hand
Seit Doose Obermeister der Innung ist,
kämpft er dafür, junge Menschen anzusprechen
und sie zu motivieren. Nicht nur dazu,
sich für einen Beruf im Malerhandwerk zu
entscheiden, sondern auch, in der Innung aktiv
zu werden. Denn leider sinkt die Anzahl
der Betriebe, die sich innerhalb der Innung
starkmachen. Und das, obwohl die Mitgliedschaft
einige Vorteile bietet. „Handwerksbetriebe
sind meist Einzelkämpfer und stehen
im Konkurrenzkampf mit anderen Firmen.
Für Innungsbetriebe ist das nicht der Fall.
Durch die Bildung von Arbeitsgemeinschaften
zur Ausführung größerer Projekte können
sie sich einen Wettbewerbsvorteil schaffen.
Der regelmäßige Austausch unter Kollegen
ist dabei viel wert“, so der Obermeister.
Zudem erhalten die Betriebe jederzeit Unterstützung
in rechtlichen, bürokratischen und
organisatorischen Belangen und können die
wirtschaftlichen und juristischen Angebote
von Landes- und Bundesverband nutzen.
Diese Art der Unterstützung ist vor allem in
turbulenten wirtschaftlichen Zeiten, wie sie
gerade herrschen, wichtig.
Und auch in Sachen Aus- und Weiterbildung
ist die Innung Kassel Stadt und Land Partner
für ihre Mitglieder. Eine Ausbildungswerkstatt
mit Ausbildungsmeister im Bildungszentrum
bietet überbetriebliche Unterstützung.
Die Gründung dieser Ausbildungswerkstatt
zählt Doose zu einem der größten Erfolge
der Innung, seit er Obermeister ist. „Mit die
wichtigste Aufgabe einer Innung ist die Unterstützung
der Lehrlinge. Und dies bietet
die Ausbildungswerkstatt.“ Weitere Angebote
der Innung umfassen Fachtagungen,
Seminare und Weiterbildungskurse an der
Malerakademie sowie den Dokumentenservice
HAWIS. Dieser stellt Vorlagen u. a. für
Steuern, Unternehmensführung oder Baurecht
zur Verfügung.
Ein Mix aus Vergangenem und Zukunft
Obwohl die aktuelle Lage im Handwerk –
auch in Anbetracht der schwierigen wirtschaftlichen
Bedingungen – alles andere als
einfach ist, blickt Bernd Doose optimistisch
in die Zukunft: „Unsere Betriebe haben in
den vergangenen Jahrzehnten gelernt, sich
an Veränderungen im Markt anzupassen und
die meisten Betriebe werden das auch jetzt
wieder schaffen.“ Für die Zukunft wünscht
der Obermeister sich ein Stückchen Vergangenheit
zurück. „Früher waren Inhaber eines
Malerbetriebs repräsentative Geschäftsleute.
Sie haben in der Gesellschaft ein hohes Ansehen
genossen und ihre Malerkleidung mit
Stolz getragen.“ Dass dies heute teils nicht
mehr der Fall ist, bedauert Doose. Dennoch
ist ihm bewusst, dass früher nicht alles besser
war. So sind zum Beispiel die Digitalisierung
und die technischen Möglichkeiten,
die sie bietet, auch im Handwerk nicht mehr
wegzudenken. Könnte das Malerhandwerk
nicht beides haben? Die digitalen Möglichkeiten
von heute und die Anerkennung von
damals? Das zu erreichen – auch das gehört
zur Innungsarbeit.


Kyra Kutter